Die Wahrheit über die #rp15

Letzte Woche fand die dreitägige Konferenz re:publica 2015 in Berlin statt. Wie alle Jahre wieder, war das Angebot an Themen überwältigend. Die Auswahl für die richtige Veranstaltung zu treffen war wie immer nicht ganz einfach. Geleitet von „freie nach Schnauze“, Intuition und spannend klingende Headlines habe ich mir dann den ersten Tag zusammengestellt und mit etwas Verwunderung im Nachhinein bemerkt, dass sich die meisten, von mir ausgewählten Vorträge um die Wahrheit und dessen Interpretation drehten.

Wenn man die Wahrheit in Wikipedia eintippt, erhält der User einen langen Definitionsversuch, der wie folgt beginnt “ … Das zugrundeliegende Adjektiv „wahr“ kann aber auch die Echtheit, Richtigkeit, Reinheit oder Authentizität einer Sache, einer Handlung oder einer Person, gemessen an einem bestimmten Begriff, beschreiben („Ein wahrer Freund“).[1] Alltagssprachlich kann man die „Wahrheit“ von der Falschheit, der Lüge als absichtlicher Äußerung der Unwahrheit und dem Irrtum als dem fälschlichen Fürwahrhalten abgrenzen. …“ Gleich zu Beginn des Artikels fiel mir jedoch der folgende Wikipedia-Hinweis auf: „Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung.“ Parodoxerweise könnte diese Anmerkung auch als eine sehr kurze Verknappung dieses re:publica 2015 Beitrag dienen.

Denn der erste #rp15-Tage hat mir eines deutlich gemacht: die Wahrheit im Netz, im Social Media, in unseren digitalen Lebensräumen ist einem ständigen Status der Überarbeitung unterlegen. Der objektive Status Quo ist obsolet. Wenn wir beispielsweise ein Instagram-Bild online stellen, dann greifen wir immer häufiger auf eine Armee von unterschiedlichen Tools und Filtermöglichkeiten zurück, um die Ist-Situation zu „pimpen“. Meist ist die echte Aufnahme des Status Quo noch nicht perfekt genug. Der Moment muss farbintensiver, heller, kontrastreicher, einfach attraktiver dargestellt werden. Was attraktiv ist, beeinflussen die Klick- und Interaktionsraten unser Follower. Aber eigentlich setzt die Wahrheits-Optimierung schon viel früher an. Die Auswahl der Motive ist bereits entscheidend – auch wenn das bedeutet, dass man sich selbst (Selfie), die Gruppe (Selfie-Gruppe via Selfiestick), das eigene Essen (#Foodporn) oder was auch immer mehrfach fotografieren muss, weil die Wahrheit nicht aus dem richtigen Winkel getroffen wurde. Summiert man die Zeit für die Aufnahmen, mit dem Nachbearbeiten und dem Einstellen in die soziale Netzwerke, sowie dem anschließenden Monitoring des Beitrag hinsichtlich der Performance („Wie viel Interaktion habe ich?“), dann kommt da ordentlich viel verstrichene Zeit zusammen. Ich spreche aus Deiner und meiner Erfahrung.

Jeder von uns selbst, der im Netz „social activ“ ist, kreiert also die Wahrheit um sich herum, die das Umfeld von ihm wahrnehmen soll. Das folgende (schon ältere) Video trifft diese Persönlichkeitsspaltung ganz witzig und passend…

Die Wahrheit lässt sich jedoch nicht nur mit der Auswahl der Motive und der Nachbearbeitung biegen, sondern hält für den subjektiven Objektiv-Berichterstatter auch weitere Tools bereit, wie zum Beispiel dem Check-In. Die Geschichte von Zille van den Born und ihren Asien-Trip zeigt, wie umfassend sich die Wahrheit mit ein paar Bilder, falsch gesetzten Checkins und gefakten Skype-Gesprächen verändern lässt.

Das sich die Gesellschaft stets von der Schokoladenseite präsentieren möchte, ist natürlich nicht neu. Es war vermutlich schon immer so, dass der Mensch lieber über die schönen und angenehmen Dinge seines Lebens berichtet bzw. über „Sachverhalte“, die ihn eben darstellen, wie er es für angebracht halt: einfühlsam, abenteuerlich, heldenhaft, humorvoll, aber eher selten idiotisch oder selbstuntergrabend. Der Unterschied zu früher: heute werden zur Wahrheitoptimierung effektivere Instrumente angeboten.

Die Wahrheit wird jedoch nicht nur von uns selbst beeinflusst. Wir nehmen sie selbstverständlich auch selbst wahr – über die Medien und deren Meldungen. Und dieser Bereich der Informationsbeschaffung ist aktuell nicht nur im Wandeln sondern entwickelt sich in eine – meiner Meinung nach – bedenkliche Richtung. Vermischt man die beiden #rp15-Beiträge „Neue Journalismus-Formate für neue Zielgruppen“ (mit Max Hoppenstedt, von VICE/Motherboard und Juliane Leopold, von Buzzfeed) mit dem Beitrag „Hoax-Kampagnen: Opium fürs Empörungsvolk“ (mit Deef Pirmasens und Christian Schiffer vom Bayerischen Rundfunk), dann ergibt sich daraus ein seltsames Gemengelage, dass die künftige Objektivität von Meldungen in einem diffusen Licht darstellt.

Wie ich zu dieser These komme, lässt sich an einem Gedankenspiel erläutern. Juliane Leopold verwies auf die steigende Anzahl von Berichterstattungen auf der einen und der immer knapperen Zeitressourcen auf der anderen Seite. Welche Inhalte und Informationen nun der Wahrheit entsprechen und welche sich als falsches Gerücht erweisen, muss in immer kürzeren Zeitspannen recherchiert und bewertet werden. Wenn früher noch Hintergründe für die Printausgaben tiefer und eingehender erhoben werden konnten, müssen die Inhalte heute, im Internetzeitalter, in immer höher Taktzahl analysiert werden. „Ein Medium muss Nachricht schneller veröffentlichen, sonst manchen es andere“, Juliane Leopold. Meines Erachtens resultiert daraus künftig eine höhere Fehlerquote. Ein prominentes Beispiel gefällig?

Die Fehlerquote bezieht sich jedoch nicht nur auf die korrekte Anordnung von Buchstaben, sondern auch auf die inhaltliche Richtigkeit. Als wäre eben diese inhaltliche Richtigkeit nicht schon bedroht genug, wünscht sich Juliane Leopold „Mehr Mut zur Subjektivität im Journalismus“. Wenn ich aber irgendwas hinzugebe, dann verliere ich zwangsläufig am anderen Ende ein Teil von etwas. In diesem Fall ein Stückchen weniger Objektivität. Ich bin mir daher mir nicht wirklich sicher, ob dieser Lösungsvorschlag der richtig ist. Dieser Trend zur zeitlichen Verknappung steht dem Hoax-Phänomen gegenüber.

Wie schon eingangs erwähnt, bietet uns das Internet immer bessere Möglichkeiten, die Wahrheit zu verändern oder einfach komplett neu zu definieren. Der Beitrag von Deef Pirmasens und Christian Schiffer hat dies witzig, aber für mich einprägend, zutage gefördert.

In diesem Vortrag erläutern die beiden BR-Redakteure anhand von unterschiedlichen Gerüchten und Meldungen, wie das Phänomen Hoax funktioniert. Die witzigen Fälle, hatten jedoch auch eine irritierende Kehrseite, da ich bei ein, zwei Meldungen – damals als sie veröffentlicht wurden – tatsächlich glaubte, dass diese wahr waren. Bis zur re:publica 2015 glaubte ich beispielsweise wirklich, dass King Jong Un seinen männlichen Untergegeben seine Frisur aufgezwungen hat (siehe Video). Ich fand diese Meldung schon damals zwar merkwürdig, habe der Nachricht aber Vertrauen geschenkt, weil sie von einem renommierten Nachrichtenportal (nenne ich hier nicht ;)) veröffentlicht wurde. Aber auch der Fall Varoufakis Mittelfinger hat uns allen gezeigt, welche skurrilen Folgen die Gier nach exklusiven Meldungen vers. Zeitmangel mit sich bringen. Die beiden Beispiele lassen sich vielleicht noch auf einem spaßigem Humorkonto verbuchen. Was aber, wenn wir den Überblick über wahr und unwahr verlieren?

Oh mein Gott, dann kommen wir auch schon in die nächste Eben, die ich in diesem Beitrag nicht ausführen möchte. Wer sich aber für das Thema Verschwörungstheorien interessiert, der möge sich den Beitrag „Die Abschaffung der Wahrheit“ von Friedmann Karig anschauen.

Abschließend möchte ich sagen, dass mich der erste Tag der re:publica 2015 stärker dafür sensibilisiert, welches Bild wir, die ewig sendenden, nach außen abgeben und welche Entwicklung die künftige Medienwelt droht einzuschlagen: die Wahrheit wird häufiger fehlerhaft und Bedarf einer Überarbeitung!

Ach ja, und die Tage zwei und drei der re:publica 2015 waren auch toll. Danke!

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