Gnadenlos.

Wir leben in einer komplexen und paradoxen Gesellschaft. Im Zeitalter von Internet, Fast Forward und hippen Start-Up-Gründungen höre ich immer wieder davon, dass Try & Error erlaubt und sogar erwünscht wird.

Per se ist das eine super Sache: Nimm Deinen Mut zusammen und probiere Deine Ideen und Vorstellungen auf die Beine zu stellen. Wenn es Dir nicht gelingt, dann ist das zwar doof, aber Du kannst Dich mit der Medaille schmücken, dass Du etwas getan hast und nicht nur 1.000 Jahre darüber gelabert. Super!

Im krassen Gegensatz steht zu dieser Try & Error-Attitüde aber die Gnadenlosigkeit von uns allen. Beeinflusst vom Social Media und den gelernten Frontal-Beiträgen, die nach unserer Meinung zu diversen Themen lechzen, haben viele von uns das Gefühl IMMER eine Meinung zu ALLEN aktuellen und dahergelaufenen Themen haben zu MÜSSEN. Wir sind Experten – in allem. Schließlich werden wir von jeglichen Absender (ob nun Spiegel Online über Coca Cola bis hin zum lokalen Teppichverkäufern) unablässig nach unserer Meinung gefragt. Diese anerzogene „Meinungsfreiheit“ sorgt dafür, dass wir sehr viel schneller und sehr viel härter auf Ereignisse, Kommentare und Meldungen reagieren. Gelernt ist gelernt. Verifiziert wird von den wenigsten, persönlichen Impulsen wird freier Lauf gegeben, getippt/geshart/geliket wird schneller als eine Synapse einer anderen Synapse „Moin“ sagen kann. Wehe dem der – in welcher Lebenslage auch immer – einen Fehler macht. Fehler werden aufgedeckt, verfolgt und öffentlich zum Thema gemacht. Eine regelrechte Hysterie bricht los. Es werden Hashtag kreiert und Gruppen gebildet. Es werden Meme gebastelt und Stimmungen hochgepeitscht. Fehler werden erst einmal nicht verziehen. Fehler und Verfehlungen werden gejagt, zum Scheiterhaufen getragen und kollektiv, unter großem Herdenbrüllen (ja – in diesem Punkt sind wir irgendwie animalisch getrieben), mit einem fulminanten Shitstorm-Streichholz zum Brennen gebracht. „Shame, shame, shame“ aus Game of Throns lässt grüßen! Erst nach der öffentlichen Peinigung kann der verfehlte Try & Error Bastard, der vielleicht einfach nur unverschämt jemanden beleidigt hat, auf Vergebung hoffen. Nicht cool, klar! Eine gute Kinderstube ist in der Regel zwar erwünscht, aber eben kein einzuforderndes Grundrecht. Und hier wird es interessant: denn mit unserer gnadenlosen Kritik im Netz an Anderen erheben wir den Zeigefinger und suggerieren eigene Überlegenheit. Wir urteilen über anderen – dabei sind wir nicht besser als die, die wir verurteilen (die Trumps dieser Welt klammere ich jetzt hier mal bewußt aus). Und jetzt komme ich: erhebe ich mit diesem Beitrag meinen Finger oder bin ich derjenige, der an der Schwelle des Kraters steht.

Wo wird uns – die Gesellschaft – dieser Wandel hinführen?

Viele da draußen, sind der Meinung, dass sie das Neuland Internet längst zivilisiert haben. Dabei glaube ich eher, dass nur die wenigsten von uns (mich eingeschlossen) bislang das Internet und seine weitreichende Komplexität verstanden haben.

Was macht der fortwährende Meinungsdrang, die stetige Hysterie und das daraus resultierende Getöse im Netz mit uns? Und welche Folgen ergeben sich aus dem Internet-Umgang für uns analoge Zusammenleben? Vielleicht täte uns allein eine kurze Verschnaufpause ganz gut. Einfach mal den Impuls unterdrücken die eigene Meinung kundzutun. Das ist utopisch und nicht umsetzbar – ich weiß.

Keiner weiß wohin uns der Wandel hinführen wird.  Aber eines scheint klar: Wir stehen weiterhin am Anfang. 

Wie gnadenlos!

Meine Meinung. Verdammt!

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